Schreiben – damals vs. heute

Schreiben – damals vs. heute

Oftmals setzte ich mich als Teenager hin und schrieb.
Aus dem Nichts heraus, einfach so. Spontan, ziellos, abschließend.

Wie ist das heute? Was hat sich verändert und vor allem: wieso?

Dieser Frage nachzugehen ist einfach und schwer zugleich. Spontan fallen mir passende Begriffe ein: Zeitmangel, Schreibblockade, Prokrastination, Perfektionismus, Ideenlosigkeit, same-same, Komplexität, Charaktere, Storyline, Worldbuilding, Dumb, Faulheit, Arbeit, Arbeit, Arbeit…

Du wirst dem ein oder anderen Begriff zustimmen. Klar, das ist völlig natürlich. Allerdings, so wahllos die Wortfolge aussieht, ist sie evtl. nicht. Lass uns die Liste anschauen. Natürlich unsortiert, so, wie oben geschrieben:

  • Zeitmangel
    • Ich würde ja gerne, aber ich habe keine Zeit. Arbeitest du in Vollzeit? Vielleicht sogar wie ich, von 9 – 18 Uhr? Versuche dir passend Zeit zum Schreiben zu suchen. Zusätzlich neben Haushalt, evtl. Familie und all deinem sonstigen sozialen Leben, diverser Verpflichtungen und Vorhaben. Meine Arbeitszeiten sind derzeit auf die genannten gesetzt. Es ist jetzt 8:26 Uhr morgens an einem Donnerstag. Dank Corona werde ich diesen sonnigen Frühlingstag im Homeoffice verbringen. Immerhin bedeutet dies keine Anfahrt und keine Rückfahrt. Ansonsten verließe ich um 7:45 die Wohnung und käme gegen 19 Uhr zurück. Ach ja, an den Wochenenden arbeite ich ebenso. Verschieden, mal ja, mal nein, mal habe ich Samstag oder Sonntag frei. Generell habe nicht immer zwei Tage am Stück frei, sondern teils gestückelt mit jeweils 2 x 1 Tag in der Woche. Glaub mir, nach teils 6 Tagen am Stück bei reiner getrackten Bildschirmarbeit ist es keine Erholung, nur einen Tag freizuhaben. Du weißt schon… Haushalt, einkaufen, usw.
      Schlimmer wird es, wenn sich die Schichten wieder ändern. Dann heißt es Wechselschichten zwischen 9 und 23 Uhr. Zeit spielt daher eine sehr große Rolle und deren Mangel zehrt an mir und würde es an dir ebenso.
  • Schreibblockade
    • Setz dich hin, mit deiner Idee und lege los. Und dann? Der Cursor blinkt, nichts passiert. Wer das nicht kennt, hat noch niemals wirklich geschrieben. Es ist ein Phänomen, das jeder auf seine eigene Weise erlebt. Kombiniert mit Zeitmangel und…
  • Prokrastination
    • Aufschieberitis! Setze dir eine Deadline. Ach, schade, dir selbst eine zu setzen hilft nicht dabei. Du benötigst eine Deadline von anderer Seite. Jemand der dir vorgibt, dass du bis dann und dann abliefern musst. Einen VÖ beispielsweise, der nicht geändert werden kann. Ansonsten, kombiniert mit den ersten beiden Punkten, wirst du, was du heute kannst besorgen mit Sicherheit erst machen morgen, morgen, morgen…
  • Perfektionismus
    • Tödlicher als ein Schuss zwischen die Augen ist das Streben nach Perfektionismus mit der ersten Fassung. Vergiss es! Oder fang halt gar nicht an. Vielleicht morgen…
  • Ideenlosigkeit,
    • Ja, also, perfekt soll es sein. Aber was? Wenn ich denn morgen anfange, falls ich Zeit habe, was schreibe ich dann für einen Bestseller? Hast du eine Idee? Was gibt es heute zu essen?
  • same-same
    • Na ja, dann fällt dir die sensationelle Story ein: Eine Frau wird entführt, der Ehemann geht los, will seine geliebte bessere Hälfte befreien. Auf eigene Faust. Na hoffentlich wird er es nicht verschieben, um erst einen perfekten Plan zur Befreiung auszutüfteln. Ansonsten wird der Roman kurz, da die Entführer… zwischen die Augen….
  • Komplexität
    • Wow, ich möchte doch all diese Handlungsstränge unterbringen. Der Leser wird es wollen. Wie im Film, einer Serie am besten. 6 Ebenen. 3 Zeitstränge, 40 Charaktere… Wie? Da gab es kaum Handlungsebenen in diesem Hochhaus, in das der Mann, der Schweinebacken jagte, reingerannt ist? Ups!
  • Charaktere
    • Die alle super ausgearbeitet werden müssen. Nicht jetzt, später. Morgen, falls ich Zeit habe. Wenn mir was einfällt. So einen wie James Bond oder John Wick. Der befreit dann seine Frau. Same-same, oder? Nein, ich kenne meine 40 Charaktere seit Kindesbeinen.
  • Storyline
    • Oh, das wird spannend. Also, ich fange soooo an. Oder ich habe das und soooo als Ende vor Augen. (zwischen den Augen?) Das Zwischen und den Weg dorthin oder von dort aus irgendwo hin. Die Befleischung eines Skeletts quasi. Wie bei den Charakteren, den Handlungsebenen. Alles mündet im…
  • Worldbuilding
    • Und das, lieber Freund, ist der Untergang in 90% aller Fälle. Fängst du mit dem Worlduilding an, ohne dass du eine Idee hast, ohne eine fertige Storyline, so wirst du niemals, ich schwöre dir, niemals einen Roman fertigstellen! Zumindest keinen guten. Denn Fakt ist, die erste Fassung muss existieren. Sie reift zum fertigen Werk. Nicht das Worldbuilding schreibt den Roman, der Roman sollte das Worldbuilding schreiben. Was nützen dir unzählige Details, die ausufernd niedergeschrieben oder gar gezeichnet und kartografiert wurden. Wo fängst du an und wo hörst du auf? Findet Worldbuilding überhaupt jemals ein Ende?
  • Dumb
    • Nein, es endet im Dumb, dem Storydumb. Ein Koloss wie ein Lexikon, die Wikipedia des Schriftstellers. Verloren Zeit mit verlorenen Informationen über Dinge, Charaktere, Örtlichkeiten, Handlungen, die niemals Teil des Werkes sein werden, zu dem du einmal eine Idee hattest. Ach, worum ging es dabei überhaupt? Die Idee, verschollen auf dem Weg zum Ziel, verschüttet unter der Vorbereitung. Vergammelt in Raum und Zeit, prädestiniert für deine ganz persönliche…
  • Faulheit
    • Ein weiterer Aspekt, der dich am Schreiben, am aktiven Schreiben, hindert, dürfte deine natürliche Neigung zur Faulheit sein. Denn wenn du alle oben aufgeführten Punkte bereits zustimmend erlebt hast, hat dich das Nachdenken über die Handlung deiner Geschichte ermüdet und mündet in Faulheit, sowie Prokrastination. Liegenlassen, aufschieben? Who cares… Lieber Netflix, Amazon Prime oder Disney+ schauen. Hmmmm… Vielleicht lieber nur YouTube, die Videos sind kürzer… Instagram? Ah TikTok!
  • Arbeit
    • Wenn sich der Kreis schließt und du wieder dastehst und feststellst. Mensch, ich habe keine Zeit, ich muss doch arbeiten…

Was tun? Die eine Lösung gibt es nicht, denn jeder Mensch ist anders. Ich beispielsweise kehre zurück zu meiner Jugend. Handlungsorientiert hinsetzen und losschreiben. Keine Ahnung, wie sich ein Werk entwickelt. Keine Ahnung, ob ich die Geschichte beende. Aber ich habe es begonnen. Und die Buchstaben erscheinen auf dem Bildschirm, bilden Worte, Sätze, Inhalt. So habe ich in meiner Jugend Werke gegen Honorar veröffentlicht, ein eigenes Magazin veröffentlicht und immer wieder Ideen zu Papier gebracht. Ob und wie gut sie waren vermag ich nicht zu beurteilen. Du entwickelst dich weiter, liest mit 40 einen Text anders, als mit 20. Vieles würde ich heute anders schreiben. Würde ich schreiben, ist die Frage. Den Kopf freibekommen und loslegen. Denn das Ende des Schreibens kam mit dem Anfang der Liste oben. Zeitmangel in Kombination mit all den anderen Punkten.

Nun ist immer noch der gleiche Tag. Es ist Abend geworden, 21:39 Uhr. Der Artikel ist soweit fertig. Einzig überarbeitet müsste er werden. Will ich aber nicht und daher bleibt es so, wie er ist. Einfach schreiben und fertig.

„Weine nicht um die Vergangenheit! Vergieße nicht Tränen für das, was war!“

Nicolas Certa – 2020

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