Menschen 3 – WAZ-Mann

Menschen 3 – WAZ-Mann

Zwischen 2014 und 2017 verschlug es mich nach Bochum und ich lernte viele interessante Menschen kennen. Das Viertel, in dem ich mein kleines Geschäft betrieb, befand sich in einer relativ guten Gegend. Allerdings inklusive gravierender Nachteile, die ich zwar direkt erkannte, von den Anwohnern jedoch vollständig ignoriert wurden. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Dennoch wagte ich das Abenteuer, da der Vertrag nur für 3 Jahre laufen sollte. Von Anfang an geplant als Intermezzo, um das Unternehmen zu stützen. Eines hatte man mir großspurig versprochen: Über Umsatz und Erträge würde ich mir keine Sorgen machen müssen…

Bevor ich an anderer Stelle sicherlich darauf zu sprechen komme, soll es heute um den WAZ-Mann gehen.

Allmorgendlicher Besuch

Der Herr befand sich bereits jenseits des Rentenalters, wie die meisten der Anwohner und sein täglicher Weg führte ihn im Laufe des Vormittages bei mir vorbei. Bereits nach wenigen Tagen waren wir oftmals in sinnhafte Gespräche verwickelt, über alle möglichen Themen und Bochum im Allgemeinen. Ein guter Kunde war der WAZ-Mann nicht, möchte ich vorwegnehmen. Außer die tägliche Zeitung und einmal wöchentlich Milch und Brot kam nicht viel dabei herum. Wenn er versehentlich etwas anderes suchte, war er um so erstaunter… Ob du es glaubst oder nicht, der WAZ-Mann spiegelte das Problem mit der Kundschaft wider, die in dem Teil Bochums recht eigenartig war: „Ach, sie haben auch Suppen. Das wusste ich gar nicht. Dann kann ich die hier holen, wenn ich die beim Einkaufen vergessen habe.“ Was in aller Welt willst du darauf antworten? Wie mit der Situation umgehen?

Das kleine Geschäft mit Bedienungstheke existierte seit knapp 50 Jahren. Einst, so sagte man, gab es zahlreiche andere kleine Betriebe, wie einen Metzger in der Gegend. Nichts ist davon erhalten geblieben. Und seit Schließung einer großen Verwaltungsstelle unweit entfernt in 2014 verschwanden zudem diese zusätzlichen Kunden.

WAZ-Mann war ein Paradebeispiele für den demografischen Wandel des Stadtteils. Isolierte Gesellschaft, so würde ich es ausdrücken. Die Mieten exorbitant, junge Familien so selten gestreut, dass man diese als etwas Besonderes, eine Laune der Natur, betrachten musste.

Dennoch war WAZ-Mann ein Unikat, wie einst der Wolkenmann. Seine Leidenschaft war der VFL Bochum. Jener illustre Verein, der seines Zeichens nicht wusste, wo er denn hingehörte. 1. oder 2. Bundesliga. Vielleicht besser in die 3. Liga. Das laut auszusprechen, solltest du in Hörweite des Stadions allerdings besser nicht wagen, schon gar nicht, wenn relevante Personalien von denen ab und an mal bei dir auftauchen…

Der WAZ-Mann, Saisonkartenbesitzer seit Urzeiten, zeterte offen über die Mannschaft, den Trainer, den Vorstand… Und über die Zeitung. Alle seien gleich geworden. Lokalteile verschwunden, brauchbare Inhalte mit der Lupe zu suchen. Warum er denn immer nur die WAZ lesen würde? Na, weil die RP noch schlechter sei. Der WAZ-Mann hat vollkommen recht damit, wenn er sagte, überall stehe der gleiche Kram drin.

Die Gespräche mit dem netten Kauz waren erfrischend, unterhaltsam und ergaben sich täglich. Eines allerdings legte der WAZ-Mann in den drei Jahren nicht ab: er gehörte jener Kategorie Kunden an, die immer sagen, der örtliche Handel müsse gestärkt werden, die kleinen Selbständigen gegenüber den Ketten seien vorzuziehen… Es blieb bei der Zeitung, mal einer Milch und dem wöchentlichen Brot. Jeglichen zusätzlichen Bedarf pflegte er beim Discounter einzukaufen. Nicht weil ich teurer wäre, sondern aus eingefahrener Gewohnheit!

Wenn das seltsam klingt, empfehle ich dir eine Vertreterin der Gattung Heuchler in meiner nächsten Episode kennenzulernen. Easter-Gate und bedeutende Sätze, die du nicht hören willst…

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