Menschen 2 – Frau Wohlfahrt

Menschen 2 – Frau Wohlfahrt

Nachdem du in der ersten Episode meiner Menschen den kauzigen Zeitgenossen Wolkenmann kennengelernt hast, erfährst du in dieser Ausgabe etwas über eine Frau, deren Fokus aus einem auffälligen Hut bestand.

Es begab sich zu einer Zeit, da eine Händlerin auf mich zukam, mich fragte, ob ich Interesse an frischen Schnittblumensträußen hätte. Zu jener Zeit konnte ich diese nicht über meinen Stammlieferanten beziehen, sodass ich die Ware gerne testen wollte. Die Händlerin, die nach eigener Aussage bereits den Vorgänger über lange Zeit in der warmen Jahreszeit belieferte, kam wie gerufen. Immer wieder fragten Kunden nach einfachen Sträußen. Nachdem wir uns über die Konditionen einigten, bot ich ab der darauffolgenden Woche die ersten Sträuße an. Der Vorteil bestand darin, dass die Händlerin die Blumen jeweils austauschen würde. Ich bezahlte nur Ware, die verkauft wurde, hielt eine kleine Marge als Ertrag ein. Übrigens ebenfalls ein spannendes Thema, so haben die wenigsten Kunden den Hauch einer Ahnung, was unterm Strich realistisch an Gewinn übrig bleibt.

Zurück zu den Blumen. Ich war etwa ein Dreivierteljahr am Standort aktiv. Viele Kunden waren nach wie vor kritisch, viele vermissten den alten Betreiber und noch mehr hatten scheinbar nur das Ziel uns zu boykottieren. Was es damit auf sich hat, erfährst du in einer anderen Blog-Reihe. Ich möchte meinen Weg näher beleuchte, die Zeit als Selbständiger. Wie es verlief und was passierte…

Wie gesagt, gab es solche und solche Kunden. Eine besonders auffällige war die Frau mit dem Hut. Stell dir einen Hut vor, wie die Queen ihn zu tragen pflegt. Groß, pompös, mit Blümchen oder Brosche verziert… Das Markenzeichen dieser Person. Eigentlich eine freundliche Person, die, wie der schmucke Hut, fröhlich und offenherzig auftrat. Bis zu jenem Tag, als sie die Schnittblumen das erste Mal sah…

Dazu musst du wissen, dass in der Nähe ein Blumengeschäft ist. Nichts besonderes eigentlich, gibt es teils Floristen direkt im Eingangsbereich eines Warenhauses. Zudem kannst du nicht monotone Schnittblumensträuße aus dem Supermarkt mit aufwendig gebundenen Floristensträußen vergleichen. Das sind zwei Welten, zwei völlig verschiedene Zielgruppen und wäre absurd.

Aus heiterem Himmel brach wegen der Blumen Ärger über mich herein. Für mich nicht nachvollziehbar, für anwesende Kunden teils verstörend passierte Folgendes: Nahezu alle Kunden begrüßten es, bei uns Blumen kaufen zu können, eben nicht extra zu einem der Discounter oder dem örtlichen E-Center fahren zu müssen. Wenn du dekorativ Blumen in deiner Wohnung drapierst, kaufst du diese beim Floristen? Ich denke eher nicht! Korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber dann gehörst du zu einer Ausnahme. Trägst vielleicht einen auffälligen Hut…

Diese Kundin, sie hieß bis dato immer Frau mit Hut, war an jenem Samstag im Laden. Mit einem Mal sah sie mich, kam auf mich zugestürzt und fing sofort an zu zetern, wobei sie immer lauter wurde: „Wie können sie es wagen hier in ihrem Lebensmittelladen Blumen anzubieten? Haben sie keinen Respekt? Wollen sie das Blumengeschäft zerstören? Ist das der Grund, weshalb sie hier sind? Sind sie für die Armen da? Oder sind sie die Wohlfahrt?“ Den Schluss brüllte sie fast. Andere Kunden standen fassungslos da.

Kannst du dir vorstellen, wie konsterniert ich in dem Moment gewesen bin? Eine herzliche Frau verlor die Fassung, riss sich die Fassade vom Gesicht wie in einem schlechten Film und offenbarte schamlos ihr wahres Ich. Sie griff mich persönlich an und diffamierte gleichermaßen Kunden und Bürger mit wenig finanziellen Mitteln im Allgemeinen. Mich als Wohlfahrt zu bezeichnen, nur weil ich meinen Kunden ein erweitertes Angebot vorhielt, grenzte nicht nur an Frechheit, es was obskur. Nett und ruhig erwiderte ich daher: „Im Rahmen meiner Möglichkeiten gehe ich sehr gerne auf die Wünsche unserer Kunden ein. Ich bin sicher, dass die Blumen keine Gefahr für das Blumengeschäft sind.“

Das würde bedeuten, ich dürfte keine Backwaren verkaufen, da sich nebenan der lokale Bäcker befand. Das heißt ebenso, ich dürfte keine Tabakwaren anbieten, denn ebenso zwei Türen weiter befand sich Lotto / Totto / Schreibwaren.

Nein! Hier wurden über lange Zeit Äpfel mit Birnen verglichen und eine tiefe Unzufriedenheit offenbarte sich. Die ältere Generation des Ortsteils war offensichtlich in weiten Teilen äußerst unglücklich mit der Veränderung der gesellschaftlichen Zusammensetzung über die letzten Jahre und ebenso darüber, das der vorherige Betreiber das Geschäft abgegeben hatte. Eher gesagt, er hatte es aufgegeben. Denn wäre kein nachfolgender Betreiber gefunden worden, so hätte er Ende 2010 einfach geschlossen, spätestens wohl im Laufe 2011.

Frau Wohlfahrt, die sich den Namen nun redlich verdiente, war nicht die Einzige, die sich über andere echauffierte und mich als Sündenbock für alles bezeichnete. Stell dir mal vor, wenn du dich erinnerst, 2010 hatten wir einen sehr harten Winter. So viel Schnee hatte es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte nicht mehr in der Gegend gegeben. Es gab tatsächlich Menschen, dir mir vorwarfen, der viele Schnee sei meine Schuld, weil ich aus dem Sauerland käme… Nun, da kannst du nichts mehr darauf antworten. Nach Wolkenmann in meiner Heimat gab es Frau Wohlfahrt in der Ferne…. Die Frage, die sich mir generell stellte, würde es woanders ebenso sein, wenn ein relativ kleines Geschäft seinen Besitzer wechselte? Ich sollte es herausfinden. Nicht nur einmal…

In der nächsten Episode möchte ich erneut eine positive Erinnerung teilen. Du siehst, meine Menschen teilen sich in gut und böse, Himmel und Hölle, Feuer und Wasser… Ein guter Grund im Wechsel über sie zu berichten. Meine Menschen habe ich überall getroffen. Begleite mich ins Ruhrgebiet und lerne den WAZ-Mann kennen…

Höflichkeit ist die Blüte der Menschlichkeit. Wer nicht höflich genug ist, ist auch nicht genug menschlich.

Joseph Joubert

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