Menschen 1 – Der Wolkenmann

Menschen 1 – Der Wolkenmann

Während meiner Jahre bei Marktkauf begegnete ich innerhalb der dort verbrachten 13 Jahre zahllosen Menschen. Einen von diesen ehre ich an dieser Stelle. Er eröffnet der Reigen meiner Kategorie Menschen. Ich nannte ihn Wolkenmann.

Wolkenmann? Oh ja, denn der ältere Herr hatte es sich der Lebensaufgabe verschrieben, täglich in den Wald zu gehen. Ein Ritual, das er über Jahre vollzog; meist des Morgens. Immer dabei: seine Kamera. Leidenschaftlich vermochte der Herr zu berichten! Über seine Obsession bei Wind und Wetter auf einer kleinen Lichtung Fotos zu machen. Dabei legte er höchsten Wert auf die Wolken am Himmel. Nun, als ich den Mann kennenlernte, fiel es mir nicht direkt auf. Nach einigen Wochen erklärte er diese Besessenheit allerdings immer wieder. Schnell verinnerlichte er sich mir daher als der Wolkenmann. Seinen wahren Namen kenne ich nicht mehr. Unvergessen konserviert in meiner Erinnerung ist der Einprägsame.

Es war nicht nur seine Leidenschaft gegenüber Wolken, sondern ebenso sein technisches Verständnis, äh, Unverständnis. Verständlich irgendwie, denn die Nuller-Jahre waren vor allem eines: die Zeit technologischer Sprünge. Der Fotofilm begann auszusterben! Die kommende Digitalisierung wandelte die Welt der Fotografie von der analogen zur digitalen. Passenderweise hielt der flache digitale TFT Monitor Einzug in die Privathaushalte, verdrängte immer schneller alten Röhrengeräte.

Der Nostalgiker trifft auf digitalen Wandel. Wolkenmann versus Bits&Bytes. Du kannst dir nicht vorstellen, vor welche Herausforderungen mich das teilweise stellte. Ernst bleiben, nicht schallend loslachen… Beispiel gefällig? Wolkenmann hatte zu jener Zeit nach wie vor seinen Röhrenmonitor, bei parallelem Wechsel zur digitalen Fotografie. Bereits länger speicherte er seine Fotos auf seinem betagten PC. Wolkenmann schilderte mir sehr oft Dinge, die auf und mit seinem PC nicht richtig funktionierten. Häufig gelang es mir, ihm zu erklären, wie er das Problem beheben, ein Programm besser zu nutzen vermochte. Einmal jedoch, was wohl dem edlen Tropfen anzulasten war, den er gern zu trinken pflegte, beharrte er auf einer Mutmaßung, dir mir mehr als ein einfaches Augenrollen entlockte: „Ob sie es glauben oder nicht, aber sie können mir nicht erzählen, dass ein Verblassen der Fotos unmöglich sei.“ Ja, er meinte seine digitalen Bilder!

Wolkenmann war zudem starker Raucher; unschwer anhand vergilbter Fingernägel zu erkennen, sowie dem permanenten penetranten Geruch kalten Rauchs. Vielleicht stellte sich seine Wohnung als dermaßen vernebelt dar, dass ein stetiger Dunstschleier durch die Räumlichkeiten waberte. Eine natürlich Art Nebel, der das Farbspektrum verblassen ließ, manifestiert als graue Smog, feinster Belag, die Patina des Alltags auf seinem Röhrenmonitor.

„Vielleicht sollte ich neue Farbe in den Monitor einfüllen.“ Kein Witz, der Satz stammte von Wolkenmann. Was denkst du, was passierte? Richtig! Ich musste lachen. Wirklich lachen. Laut lachen. Ging nicht anders und so blickte mich Wolkenmann verdutzt an, ehe er selbst zu lachen begann.

Es waren diese Momente, die mir über Jahre hinweg diesen komische Kautz ans Herz wachsen ließen. Seine ganz besondere Art verpeilt zu sein. Teils des Alters, teils der Prozente wegen. Wolkenmann war ein unterhaltsamer Zeitgenosse. Er fragte viel um Rat, was ich gern dadurch honorierte mitunter äußerst geduldig zuzuhören und zu helfen.

Er gehört in die Kategorie meiner Menschen, denn als einzigartig kann ich Wolkenmann definitiv beschreiben. Es fiel auf, wenn er mal nicht vorbeikam, schließlich besuchte er Marktkauf täglich. Mit der Zeit unterhielten wir uns über Wolkenmann. Jeder hatte sein Erlebnis mit ihm, jeder wusste, dass ich sein ganz persönlich auserkorenes Opfer war. Dafür bin ich ihm dankbar. Egal wie nervig Wolkenmann manchmal sein konnte, er hat sich unvergessen gemacht. Aus nostalgischer Sicht, rückwirkend betrachtet, ein positiver Teil meiner Vergangenheit.

Positive Erinnerungen gab es nicht immer. Im nächsten Teil bereits trefft ihr mit mir auf ein Individuum negativer Energie: Frau Wohlfahrt…

Die Wahrheit gleicht dem Himmel und die Meinung den Wolken.

Joseph Joubert

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